Die Haussprecher Gabriele Brandenburg und Ulrich Schürrer sind unter den Ersten, die ihre Umzugskartons in die neu entstandenen Wohnräume stellen konnten.

Der Zusammenhalt steht im Mittelpunkt

Am Eingang zu den Häusern 1 und 2 stehen provisorische Sammelbriefkästen. Die Post aller Bewohner wird dort eingeworfen, solange die richtigen Briefkästen fehlen. Ulrich Schürrer dreht und wendet ratlos die aktuelle Ausgabe der Nürtinger Zeitung, die obenauf liegt. „Tja, wer bekommt die denn nur?“ Schürrer ist einer von zwei Haussprechern. Er kümmert sich um alle organisatorischen Belange – auch um das Verteilen der Post. „In den letzten Wochen gab es täglich etwas zu tun“, erzählt er.

Das wird sich in den nächsten Wochen erst einmal nicht ändern, denn noch sind nicht alle Mitbewohner des OEKOGENO-Projekts eingezogen. An seiner Seite steht Gabriele Brandenburg. Auch sie ist Haussprecherin. Die beiden bewohnen zwei der insgesamt 33 Wohneinheiten.

Von der Ein-Zimmer-Wohnung bis zur Fünfer-Handicap-Wohngemeinschaft ist auf 42 bis 200 Quadratmetern alles geboten. Das Besondere dieses sozial-ökologischen Projekts: Der Zusammenhalt steht im Mittelpunkt.

Platz und Raum für Begegnungen

Die Wohnanlage bietet Gemeinschaftsräume sowie viele Begegnungsplätze und Treffpunkte. „In Nürtingen entsteht damit eine lebendige, vielfältige Wohngemeinschaft. Kurzum: ein Leuchtturmprojekt im Großraum Stuttgart“, so Joachim Bettinger, Vorstand der OEKOGENO WIN eG, die die Wohnanlage betreibt.

Senioren, Familien, Menschen mit und ohne Behinderung werden unter einem Dach leben. In der inklusiven Wohngemeinschaft werden sich Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen einen Ess- und Wohnbereich teilen.

Lebenslanges Wohnrecht

Das Besondere an diesem Angebot: Wohnen und Pflegedienst ist getrennt organisiert. Die Bewohner haben ein lebenslanges Wohnrecht, was den Eltern betroffener Kinder eine große Sorge um die Zukunft ihres Nachwuchses abnimmt. Sollte irgendwann der Wunsch nach einem neuen Pflegedienst aufkommen, würde einfach der Dienstleister gewechselt – das Dach über dem Kopf aber bleibt.

„Bei der Zusammenstellung der Wohngemeinschaften haben wir darauf geachtet, dass die Chemie stimmt“, erzählt Christine Sommer-Geist von der OEKOGENO. „Die neuen Bewohner haben sich bereits zusammengetan und eine Auftraggeber-Gemeinschaft gegründet, die ein gemeinsames Budget verwaltet und einen Betreuungs- und Pflegedienst organisiert.“ Alle Flächen auf dem Gelände sind für Rollstuhlfahrer und Nutzer von Rollatoren geeignet – darauf hat Architekt Gottfried Mueller von Mueller, Benzing & Partner ein besonderes Augenmerk gelegt. So sind alle Wohnungen und die Tiefgarage mit Aufzügen erreichbar, die Türen sind extrabreit, die Duschen befahrbar. Im Gemeinschaftsraum gibt es ein Behinderten-WC.

Die Gebäudetechnik ist auf dem neusten Stand: Alle Wohngebäude wurden in KfW-55-Standard errichtet. Das bedeutet, dass die Gebäude 45 Prozent weniger Energie verbrauchen als ein Niedrigenergiehaus. Auf den Dächern befinden sich Fotovoltaik-Anlagen, die Strom für die Mietwohnungen, Aufzüge und Treppenhäuser liefern. Wärme und Strom werden im Blockheizkraftwerk im Keller erzeugt. Die Fassaden-Dämmung besteht aus Steinwolle.

Gemeinsam gestalten

Der Gemeinschaftsraum soll das Herzstück der Gebäude 1 und 2 werden. Schürrer gerät ins Schwärmen, wenn er von den Ideen erzählt, die die Hausgemeinschaft schon jetzt zusammengetragen hat: „Jemand wird ein Klavier in den Raum stellen, es wird eine Leseecke geben, wir wollen Spieleabende organisieren, Kino, gemeinsames Kochen, Kurse . . .“ Das Konzept lebt vom Engagement der Mitbewohner.

Es gibt Arbeitsgruppen, die sich mit Themen wie der Gestaltung des Außenbereichs und des Daches beschäftigen, mit der Organisation des Hausmeisterdienstes und der Gestaltung des Gästeappartements. „Das Gästeappartement steht allen Mitbewohnern für Besucher zur Verfügung“, erklärt Schürrer. Auf dem bisher einzigen gepflasterten und planierten Weg zu den Gebäuden 1 und 2 steht mit Kreide „Herzlich willkommen“ geschrieben.

An einer Wohnungstür hängen bunte Luftschlangen. Davor stehen Umzugskartons. In den Gebäuden liegt noch die Schutzfolie aus und in den Fluren hängen nackte Glühbirnen. Doch jeden Tag fährt ein neuer Umzugswagen vor. Bis schließlich alle Bewohner eingezogen sind und die Baustelle zu einem Wohnquartier wird.

Am 23. März trifft sich die neugefundene Gemeinschaft zur ersten Versammlung im neuen Gemeinschaftsraum. „Hoffentlich sind bis dahin die Stühle angekommen“, sorgt sich Ulrich Schürrer. „Sonst bringt halt jeder einen Stuhl mit“, wirft Gabriele Brandenburg ein. Gemeinsam findet sich immer eine Lösung.

Text und Bild: Juliane Kunz / Nuertinger Zeitung

Zum Originaltext in der Nürtinger Zeitung